„Duuuu….?“, kommt es fassungslos über meine Lippen, „was um alles in der Welt treibt dich auf den Friedhof?“ Hältst du neuerdings dein Plädoyer am offenen Grab….quasi vor dem letzten Gericht?“
Sergio grinst und schnappt sich die volle Gieskanne, die bei jedem Schritt ein wenig überschwappt. Außer einem freundlichen Grinsen hüllt sich der Mann des Rechts jedoch in Schweigen. Irritiert trippele ich neben ihm her.
„Hast du im Kloster ein Schweigegelübde abgelegt?“, bohre ich nichtsdestotrotz weiter. Mein Ex zuckt mit der Schulter und sprintet zielstrebig voran. Bin noch irritierter, denn was weiß DER, wohin ich mit der Gießkanne überhaupt will? Fragen über Fragen, die ich mit mir herumschleppe, aber…wenigsten hängt nicht noch die schwere Gießkanne an mir.
„Auf deutschen Friedhöfen gibt es kein Redeverbot!“, starte ich einen letzten Versuch.
„Auf russischen auch nicht!“, kontert Sergio freundlich. Ich gebe mich fürs Erste geschlagen, da ich nur zu genau weiß, dass Sergio kein unbedachtes Plappermaul ist. Seine Trümpfe zieht er grundsätzlich erst gegen Ende der Verhandlung aus dem Ärmel. Also heißt es für mich abwarten, und….per Marlboro genug Dampf ablassen.
Als wir die Grabstätte erreicht haben, die Oma Gerti noch immer so emsig bewirtschaftet, komme ich aus dem Staunen gar nicht mehr hinaus. Sergio und meine Oma begrüßen sich nämlich überaus herzlich und vertraut. Keine Spur des Fremdelns! Misstrauisch beäuge ich die Beiden. Entweder leide ich unter Verfolgungswahn, oder…es handelt sich um eine abgekaterte Sache. Immerhin hat meine Oma in der Vergangenheit nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie Sergio mag. Natürlich hat sie auch meine Entlobung akzeptiert, aber…ihre Ambivalenz habe ich permanent gespürt.
„Na, wolltest du der Braut, die sich nicht traut, ein wenig auf die Sprünge helfen?“, überfalle ich meine Grandma.
Die wird plötzlich ganz verlegen, und... schaut hilfesuchend zu Sergio.
„Deine Oma glaubt nun mal, dass wir füreinander geschaffen sind!“, erläutert er mir.
„Darum habe ich auch von ihr die notwendige Schützenhilfe bekommen….“
Voll im Wechselbad meiner Gefühle, verschlägt es mir erst einmal die Sprache.
Lasse meinen Blick über die umliegenden Gräber schweifen und versuche, in dem sich auftuenden Gefühlssumpf…nicht zu versinken.
„Vielleicht liebe ich dich…“, gestehe ich, einer spontanen Eingebung folgend. „Aber vielleicht reicht diese Liebe nicht für eine gemeinsame Zukunft. Gib mir die Zeit, die ich brauche, um es herauszufinden!“
„Du brauchst noch mehr Bedenkzeit? Ist das dein Ernst?“
Ja, es ist mein Ernst, denn meine Gefühle sind kein verlässlicher Partner. Heute hü, morgen hott. Das
Einzige, worauf ich mich verlassen kann, ist mein Verstand, und…natürlich mein angeborener Fluchtinstinkt. Letzterem liefere ich mich ad hoc aus, und… verschwinde, wie der Furz im Winde.
„Weglaufen ist auch keine Lösung!“, ruft mir das verschwörerische Duo nach.