Im zarten Alter von neun Jahren fasste ich den wohlüberlegten Entschluss, mein trautes Heim zu verlassen.
„Prima, prima Familienklima!“, ließ sich vielleicht als Kinderbuchtitel vermarkten, nicht jedoch mit meiner persönlichen Erfahrung.
Nee, ich wollte weg….hinaus in die große, weite Welt, die garantiert mehr zu bieten hatte, als das stressige
Zusammenleben mit meinen Eltern. Die Kochkünste meiner Mutter waren unter aller Sau, und…da sie grundsätzlich darauf bestand, dass ALLES gegessen wird, was auf den Tisch kommt, war der Ärger
bereits vorprogrammiert. Wie oft habe ich meine Backen hamstermäßig bis zum Anschlag gefüllt, um sie anschließend über der Kloschüssel zu entleeren. Gar nicht so einfach, unter ihrem
misstrauischen Kameraüberwachungsblick.
Aber auch die cholerischen Temperamentsausbrüche meines Vaters gingen mir gewaltig auf den Zwirn. Anhaltendes Mundwinkelzucken deutete stets auf einen größeren Rundumschlag hin. War halt so! Und…leider hatte ich als minderjähriger Ableger des Hauses keinerlei Veto- bzw. Mitspracherecht. Klappe halten und parieren - dann ging der Kelch auch relativ zügig an mir vorbei. Aber der Frust blieb und bestärkte mich in meinem Vorhaben, dieser ungastlichen Stätte irgendwann den Rücken zu kehren.
Das Fass zum Überlaufen, bzw. Weglaufen brachte dann meine Mutter, als sie mich wieder mal mit Gewalt zum Frisör trieb. Es tangierte die Chefin des Hauses nämlich nicht die Bohne, dass ich meine Haare lieber lang tragen wollte, und...allein aus diesem Grund, erheblichen Widerstand leistete. Mein Jammern und Zetern drang scheinbar nicht durch ihr schwer verknorpeltes Herz. Als dann unter den flinken Händen des Barbiers meine üppigen Locken fielen, wusste ich urplötzlich, dass ich nicht länger mit solchen Ignoranten unter einem Dach leben wollte. Nicht einen einzigen Tag!
Kahlgeschoren, wie ein gebrandmarkter Sträfling, suchte ich meine Freundin Carola auf, um sie zu fragen, ob sie sich meiner Flucht anschließen würde. Ja, sie wollte und emsig schmiedeten wir an einem übereilten Ausbruchsplan. Um Mitternacht wollten wir uns vor dem kleinen Tante-Emma-Laden an der Ecke treffen. Geschmierte Brote, Sparschweingeld und ein dicker Pulli im Rucksack – mehr nicht. Schließlich wollten wir keinen unnötigen Ballast mit uns herumschleppen! Leider scheiterte unser Ausbruchsversuch. Mein Vater packte mich, kaum dass ich die Wohnungstür geöffnet hatte, an den Kragen, und...eine kräftige Abreibung folgte. Meiner Freundin Carola erging es ähnlich. Tagelang konnten wir kaum sitzen, so sehr hatte man uns verwurstet. Tja, Lehrjahre sind nun mal keine Herrenjahre!
Mich wundert es eigentlich nicht, dass ich HEUTE ein überzeugter Single bin…